PJ Harvey – Die melodische Missionarin

Leid und Elend. Zwei wichtige Stichwörter in der Playlist von Polly Jean, kurz PJ Harvey, genannt.

Die Musikerin ließ keinen Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit, mit der sie das Publikum besingt, auf der riesigen Bühne des Citadel Music Festivals aufkommen. In ihrem sozialkritischen Song „The Community of Hope” erzählt sie mit nostalgisch trällender Stimme von einem längst ausgeträumten amerikanischen Traum. Und die Masse unterstützt sie in diesem Glauben mit wiegenden Köpfen, erhobenen Händen und digitalen Aufnahmen in Form von Fotos und Videos. So auch die Band hinter und das Saxophon mit ihr. Alle wiegen sich in einer skrupellosen Welt dank kurzer Idylle.

PJ Harvey mag sich nicht festlegen, so wie sie Leid und Elend in ihren Songs verknüpft, so verbindet sie auch musikalische Genres. Blues, Indie, Country, Rock’n’Roll. Eine heiße Suppe, die nur schwer zu löffeln und nicht für Jedermann greifbar ist. Dennoch fühlten sich rund 7.000 Besucher dazu berufen, sich der melodischen Missionarin hinzugeben. Genügend Vorarbeit für eine vernünftig gefüllte Show hat PJ Harvey allemal geleistet. Für ihr aktuelles Album „The Hope Six Demolition Project“ besuchte sie mit einem Kriegsfotografen unter anderem den Kosovo, Ghettos amerikanischer Großstädte und Afghanistan, um sich ein eigenes Bild von dem Schicksal der Menschen in diesen Krisengebieten zu machen.

„Mit eindringlicher Stimme, begleitet von langjährigen Wegbegleitern, wie Mick Harvey und John Parish, offenbart sich die Sängerin als unversöhnliche Wundenkratzerin. Sie protokolliert das globale Elend und verpackt es in mal traurige, mal aufrüttelnde Melodien. Ein schöner Abend über eine unschöne Welt. Dabei versucht PJ Harvey erst gar nicht Versöhnlichkeit vorzugaukeln. Sie spart sich die Begrüßung, sie stellt zwar ihre zehn Musiker vor, weitere Ansagen aber bleiben aus. PJ Harveys Weltsicht wirkt zu düster für das Tageslicht. Und als das nach dem mehr als eineinhalbstündigen Konzert der Dämmerung, verschwindet eine große Künstlerin unter großem Applaus…“ (Textquelle: MAZ, Photo: Peter Engelke)